Geschichten

Das Traumamännchen

Es war einmal ein ganz kleines Männchen, das hieß „Trauma“. Das wurde von einem Elternpaar zu einem Mädchen geschickt, das die Tochter war.
„Hallo, ich bin Trauma, ich verstecke jetzt dein Lachen, deine Freude, das was du so kannst, deine Freunde und die Liebe“, sagte es und machte sich direkt ans Werk.
Das Mädchen war verwirrt. „Warum tust du das denn?“, fragte es das beschäftigte Männchen. „Na weil die Erwachsenen das wollen. Ich mache nur meinen Job“, antwortete es kurz und holte weitere schöne Erinnerungen des Mädchens. „Ich verstecke das alles. Und du darfst nicht danach suchen, sonst werde ich böse. Du machst mir sonst meine Arbeit kaputt“, sagte es noch.
Das Mädchen schaute zu, wie ihr das Schöne weggenommen wurde. Es fühlte sich wie Harry Potter, als die Dementoren gekommen sind und das ganze Glück aus ihm rausgesaugt haben. Und wenn kein Glück mehr in den Zauberern ist, sterben sie.
Aber sie haben Zaubertiere, die die Dementoren verjagen.
Das Mädchen hatte kein Zaubertier. Sowieso war es noch zu klein, Harry Potter bekam sein Zaubertier ja auch erst, als er größer war. Das Mädchen wurde immer trauriger. Die Freunde wollten nicht mehr bei ihm ein, die Eltern schimpften immer öfter, und es weinte manchmal heimlich. Aber das Traumamännchen sah alles. Es nahm dem Mädchen auch die Tränen, die Freiheit bedeuteten.

Irgendwann war das Mädchen größer. Das Traumamännchen war auch gewachsen und hatte gut aufgepasst, dass wirklich kein Glück bei dem Mädchen blieb. Es machte seine Aufgabe gut. Immer noch.
Das Mädchen versuchte, trotzdem glücklich zu sein, aber dann kam das Traumamännchen, lachte fies und zeigte ihm, warum es kein schönes Leben haben wird. Es tanzte auf dem Körper des Mädchens rum, zeigte auf einer Leinwand im Kopf die Bilder von früher und zwang es immer wieder, an sich selbst zu zweifeln. Obwohl es immer noch winzigklein war, war es so viel größer und stärker als das Mädchen, weil es schon so lange da war, dass es alle Geheimnisse kannte.
Das Mädchen fühlte sich immer einsamer und trauriger. Niemand sah das Traumamännchen, es war wie unsichtbar oder versteckte sich schnell, wenn es jemand sehen wollte. Und wenn es zu langsam war und gesehen wurde, wurde es sehr wütend, und die Leute gingen lieber schnell wieder weg.
Das Mädchen dachte schon, es müsste auch sterben, aber dann kam ein Zaubertier. Nur war es kein Zaubertier, sondern eine Therapeutin.

Die Therapeutin schaute sich das Traumamännchen genau an.
„Hey, hast du keine Angst vor mir?“, fragte es die Therapeutin.
„Nö, du machst nur deine Arbeit. Ich gebe dir neue Arbeit. Wieso sollte ich Angst haben?“
Das Traumamännchen und das Mädchen klammerten sich aneinander. Das Mädchen kannte das Traumamännchen doch schon, seit es noch ganz klein war. Es war immer da. Jederzeit. Und jetzt soll es weggehen oder was anderes machen? Das Mädchen war unsicher. Wollte sie ohne ihren treuen Begleiter sein? Wer ist denn sonst da, wenn das Traumamännchen weg ist?
Auch das Traumamännchen bekam Angst. Es sollte nur seine Arbeit machen, und wo soll es jetzt arbeiten, wenn es weggehen soll? Es kann doch nur das.
Die Beiden wollten einander nicht loslassen, sie kannten nur das Leben miteinander.
Die Therapeutin verstand das Problem. Sie unterhielt sich ganz lange mit dem Traumamännchen und allen kleinen Mädchen, die es im großen Mädchen versteckt hatte. Sie unterhielt sich auch lange mit dem großen Mädchen und allen kleinen Traumamännchen, die es in sich hatte.

Das war nicht leicht. Manchmal wurde das Traumamännchen wütend, weil es Angst hatte, verloren zu gehen, und dann schlug es um sich. Dann tanzte es wieder auf dem Körper des Mädchens rum und sagte ihm, dass es nichts wert sei ohne das Traumamännchen.
Manchmal wurde das Mädchen wütend, aus Angst, verloren zu gehen, und dann schlug es um sich. Dann krallte es sich an das Traumamännchen und schickte die Therapeutin weg.
Es dauerte wirklich lange, bis die Therapeutin eine neue Aufgabe für das Traumamännchen fand. Inzwischen war das Mädchen schon fast ganz groß.
„Du gehst los und guckst, wo die schönen Erinnerungen versteckt sind. Und dann bringst du sie deinem Mädchen wieder zurück. Du musst so viele finden, wie du kannst. Und du bist der Einzige, der das schafft, weil du weißt, wo du das alles versteckt hast“, trug die Therapeutin dem Traumamännchen auf.
Puh, das war eine schwierige Aufgabe. Das Mädchen war manchmal wütend auf das Traumamännchen, weil es so lange die guten Dinge versteckt hatte.
Und dann dauerte das auch wieder lange.

Inzwischen war das Mädchen eine Frau. Das Traumamännchen war immer noch bei ihr, aber es saß wie ein Freund auf der Schulter und hielt Ausschau nach guten Dingen zum Erinnern. Die Frau bedankte sich bei der Therapeutin, dass sie geholfen hat, das Traumamännchen zu zähmen und glücklich sein zu können.
Und obwohl die Frau dachte, sie müsste wie bei Harry Potter sterben, hatte sie nun ihr eigenes Zaubertier auf der Schulter sitzen.